Ich habe es früher als Sportler vor jedem Wettkampf gemacht. Mache es heute noch vor jedem Gang in die Wellen, wenn ich mich an den Strand setze und mir die Zeit nehme, die Wellen zu beobachten, dem Wind nachzuhorchen, mir das Ufer anzusehen. Ich bereite mich innerlich vor, schweigend inszeniere ich auf gewisse Weise den Übergang von einer Welt in eine andere.
Nicht anders mache ich es im Businesskontext: Vor Verwaltungsratssitzungen oder bei Workshops, die ich moderiere, bin ich gerne früh im Raum. Meine Frau nennt das eine Marotte, ich sei immer zu früh da. Ich sehe das anders.
Ich brauche diese Zeit, um mich selbst vorzubereiten. Nicht, um noch einmal die Unterlagen zu lesen. Sondern um im Kopf zur Ruhe zu kommen, bevor andere Menschen dazustossen.
Das ist für mich Teil meiner Arbeit, mich und andere auf eine andere Welt als die des Daily Business vorzubereiten. Auf die volatile Welt dort draussen, auf die Wellen der Veränderungen, denen ein Unternehmen ausgesetzt ist, ohne sie wirklich überblicken zu können. Denn in dieser volatilen Welt hängt die Qualität von Entscheidungen nicht nur davon ab, wie viel wir wissen. Sie hängt vor allem davon ab, wie gut Entscheider miteinander denken können. Und das bedeutet auch, wie ich überzeugt bin: wie gut sie miteinander schweigen können.
Die Polarität draussen halten
Wir sind Menschen und deswegen wollen wir gerne wissen, was richtig und was falsch ist. Was funktioniert und was nicht. Was wir tun sollen und was wir lassen müssen. Wir denken in Polaritäten: wahr – falsch, an – aus, Licht – Schatten, schwarz – weiss.
Aber die Realität sieht anders aus, sie ist häufig ein Kontinuum. Gerade bei geopolitischen Entwicklungen gibt es selten nur Schwarz oder Weiss. Eine Abhängigkeit kann gleichzeitig ein Risiko und ein Wettbewerbsvorteil sein. Eine neue Technologie kann Arbeitsplätze gefährden und gleichzeitig neue Möglichkeiten eröffnen. Ein Markt kann unsicherer werden und trotzdem attraktiv bleiben.
Um in dieser Realität klarer zu sehen und besser zu entscheiden, sollten wir die Polarität aus unserer Entscheidungsfindung herausnehmen. Denn sobald wir uns auf eine Seite festlegen, beginnen wir häufig, Argumente für diese Seite zu suchen. Wir verteidigen unsere Position, statt die Situation zu verstehen. Der eine sieht das Risiko, der andere die Chance. Der eine will investieren, der andere sparen. Der eine vertraut auf Erfahrung, der andere will alles neu denken. Und typische Meetings im Businesskontext folgen genau diesem Schema.
Wenn es aber gelingt, aus diesem Bewertungsschematismus herauszukommen, ist viel gewonnen. Ich halte es für einen großen Fortschritt, wenn ein Raum entsteht, in dem zunächst alles ausgesprochen werden darf, ohne sofort bewertet zu werden.
Denn es geht nicht darum, möglichst schnell einer Meinung zu sein. Es geht darum, gemeinsam so frei zu denken, jede Idee, jede Möglichkeit denken zu können, so dass am Ende eine bessere Entscheidung möglich wird.
Freies Denken als Vorteil in volatilen Zeiten
Ich glaube, dass genau dieser Punkt in einer Welt voller Volatilität entscheidend wird. Wenn Rohstoffpreise schwanken, Lieferketten sich verschieben und geopolitische Verwerfungen zunehmen, gibt es selten die eine richtige Antwort. Es gibt nur die Qualität des gemeinsamen Denkens, mit dem Entscheider auf das reagieren, was noch niemand vollständig überblicken kann.
Diese Qualität entsteht nicht durch mehr Meinungen, die lauter vorgetragen werden. Sie entsteht durch einen Dialog ohne Wertung, in dem Menschen wirklich etwas Neues in den Blick nehmen können, weil sie sich nicht sofort verteidigen müssen. Sie entsteht, wenn Menschen auch zuhören können, und das heisst: schweigen, um sich selbst und andere zu hören.
Vielleicht ist das die eigentliche Fähigkeit, die erfolgreiche Entscheider künftig auszeichnet: nicht, immer die richtige Antwort parat zu haben. Sondern gemeinsam schweigen zu können, bevor man spricht.
Deswegen halte ich es für ein gutes Vorgehen, um erfolgreich zusammen zu agieren: Vor einer wichtigen Sitzung fünf Minuten in die Stille zu gehen, bevor überhaupt das erste Wort fällt. Wobei ich zugeben muss, dass auch mich das Überwindung kostet. Man macht sich damit ein Stück weit angreifbar. Aber die Qualität, die dadurch entsteht, ist eine andere. Und diese Qualität macht oft den Unterschied.
Ich kenne das auch aus meinem privaten Leben. Wenn ich mit meiner Frau ins Engadin fahre, reden wir von zweieinhalb Stunden Fahrt oft zwei Stunden nicht. Für mich ist das Luxus, nicht Leere. Wir sind gemeinsam unterwegs und trotzdem ist jeder ganz bei sich. Genau dieses Nebeneinander, ohne die Stille sofort füllen zu müssen, fehlt in den meisten Sitzungszimmern völlig. Dort wird jede Pause als Leerlauf empfunden, den man mit einer schnellen E-Mail oder dem nächsten Argument überbrückt.
Dabei entsteht gerade in der Pause etwas Wertvolles: Raum für die Frage, was man in dieser Runde eigentlich wirklich beitragen möchte. Raum für Gedanken, die im Lärm des Daily Business ungehört und unbedacht bleiben. Raum für etwas Neues, das nicht einfach nur Reaktion, sondern Fortschritt ist.
Ihr Markus Hotz
